
- [Bild: Chronist an der Arbeit, in: Spiezer Chronik des Diebold Schilling, 1484/85]
Geschichte bezeichnet einen Diskurs: den Diskurs der Historiker. Nach einem «Geschichte» zu nennenden Gegenstand, der diesem Diskurs realiter zu Grunde läge, suchen wir vergebens. Ausdrücke wie «im Lauf der Geschichte», der «Gang der Geschichte», «Geschichtsprozess», «geschichtlicher Wandel» haben keinen Sinn.
Inhalt der Geschichte ist das Werden, ob menschliches oder aussermenschliches, organisches oder anorganisches, unmittelbar oder nur instrumental wahrnehmbares. Geschichte ist daher nicht ausschliesslich Human- oder Geisteswissenschaft, sondern ebenso sehr Naturwissenschaft; sie erforscht nicht nur die mit blossem Auge erkennbare, makroskopische Realität, sondern auch den Mikro- und den Makrokosmos.
Das Werden manifestiert sich durch Veränderungen. Als Materialobjekt dient dem Historiker, was sich verändert hat, was zwar noch gegenwärtig und (noch) zu beobachten , aber nicht mehr aktuell ist und der Vergangenheit zugeordnet werden kann.
Das Formalobjekt der Geschichte besteht aus den veränderbaren Elementen des Materialobjekts, d. h. aus all dem, was sich sowohl verändern als auch (eine Zeit lang) gleich bleiben kann.
Die Analyse des Formalobjekts durchläuft mehrere Etappen: Annäherung an die «Wesensmerkmale» des Gegenstands, dessen Veränderungen untersucht werden sollen; Abgrenzung und Definition der Periode, während der sich der Gegenstand nicht verändert, sondern nur variiert; Erstellen chronologischer Reihen aus den Formen oder Werten, welche die Variablen während der Periode annehmen; Untersuchung der zwischen den chronologischen Reihen existierenden Korrelationen zur Erklärung der Veränderungen, welche die Periode einsetzen beziehungsweise enden lassen; Verallgemeinerung der Forschungsergebnisse durch die Gegenüberstellung vergleichbarer Objekte.
Als Resultat der Analyse produziert der Geschichtswissenschaftler historische Kenntnisse: konsekutiv angelegte Informationen über vergangene Veränderungen.
Historisches Wissen beruht auf der Synthese von historischen mit «aktuellen» Kenntnissen. Es ist Wissen über das Veränderungspotenzial des gegenwärtig Seienden: die Wahrscheinlichkeit, dass sich um und in uns Existierendes früher oder später, stärker oder schwächer verändert. Das historische Bewusstsein, die Fähigkeit uns als Werdende zu begreifen, misst sich an der Möglichkeit und Wünschbarkeit von Veränderungen. Es gründet in der Überzeugung, dass unsere Wirklichkeit geworden und nicht ein für allemal gegeben ist, dass sie anders sein wird, weil sie anders war.
[Norbert Furrer, Was ist Geschichte? Einführung in die historische Methode, Zürich 2003, S.60f.]